Meine Seele hat es eilig

Aktualisiert: Aug 5

In den letzten Tagen begegnet mir immer wieder Michael Endes Geschichte "Momo". Ich habe das Buch noch nie gelesen und nicht einmal den Film gesehen. Es ist wohl an der Zeit, sich mit dem Thema Zeit zu beschäftigen. Passend dazu bin ich heute auf dieses Gedicht gestoßen:


Meine Seele hat es eilig.


Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe zu leben, als ich bisher gelebt habe. Ich habe mehr Vergangenheit als Zukunft.

Ich fühle mich wie ein Kind, das eine Schüssel Kirschen bekommen hat: die ersten isst es unbedacht, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen und die Kerne abzunagen.

Ich habe keine Zeit mehr, mich mit Mittelmäßigkeiten zu beschäftigen.

Ich habe keine Zeit für endlose Besprechungen, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften diskutiert werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Ich habe keine Zeit mehr für endlose Unterhaltungen über das Leben anderer, die nicht einmal Teil meines Lebens sind.

Ich habe keine Zeit mehr für die Zimperlichkeiten von Menschen, die ungeachtet ihres chronologischen Alters unreif geblieben sind.

Menschen diskutieren nicht über Inhalte, nur über Labels. Ich habe keine Zeit mehr über Oberflächliches zu diskutieren, ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile.

Mit nur noch wenigen verbleibenden Kirschen, möchte ich mit Menschen leben, die menschlich sind, sehr menschlich. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Sterblichkeit fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte mich nur noch mit wahrhaftigen Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.


Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Kirschen, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Das Wesentliche macht das Leben lebenswert.

Und für mich reicht das Wesentliche.


Text von Ricardo Gondim Tempo que foge, basierend auf dem Original von Mário de Andrade (1893-1945), brasilianischer Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler: O valioso tempo dos maduros

Übersetzung teilweise von mir überarbeitet.


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