Tiere denken

Aktualisiert: Mai 3

"Tiere denken" heißt ein Buch von Richard David Precht, in dem er das Verhältnis von Mensch und Tier in den vergangenen Jahrtausenden betrachtet um daraus eine moralische Empfehlung für die nächsten Jahrzehnte abzuleiten (Jahrtausende wird es für den Menschen nicht mehr geben). Im Laufe der Geschichte ging es bei Philosophen und Denkern immer wieder um Fragestellungen, ob Tiere Schmerzen empfinden, ob sie eine Seele hätten, ob sie denken können oder alles vom Instinkt geleitet ist oder sie sogar zu Transzendenz und zu romantischer Liebe fähig wären. Bis auf Letzteres lässt sich alles mit Ja beantworten, was für die Frage, ob man Tiere industriell halten oder überhaupt essen darf, aus meiner Sicht irrelevant ist.



Die derzeitige Situation hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass solche Fragestellungen für moralisches Handeln oder die Mitleidsfähigkeit von Menschen nicht entscheidend sind. Entscheidend ist, ob Lebewesen betroffen sind, die im eigenen Wahrnehmungsbereich sind oder die eigene Art betroffen ist und das nur, wenn es sich um Individuen handelt, die in einer vergleichbaren Lebenssituation wie wir selbst sind. Wir haben vielleicht ein wenig Mitleid mit Kindern, die verhungern, gerade wenn wir selbst Kinder haben, Angst macht es uns allerdings nicht. Wenn Menschen in unserem Alter, in unserer Nähe an Corona sterben, sieht die Sache schon anders aus. Hier sieht man sich selbst und die Menschen im direkten Umfeld unmittelbar in Gefahr und das bewirkt, dass man bereit ist, Einschränkungen in seiner Lebensqualität hinzunehmen. Sind hingegen "nur" Lebewesen bedroht, die wir nicht kennen, wie Menschen auf dem afrikanischen Kontinent oder Tiere in einer Mastanlage, dann ist unsere Bereitschaft eine Einschränkung in Kauf zu nehmen gleich Null. Wir sind durchaus bereit einen geringen Betrag jährlich zu spenden, um unser Gewissen zu beruhigen und weil wir uns dadurch überhaupt nicht einschränken müssen.


Wie groß die Bedrohung durch Corona wirklich ist, weiß keiner bisher genau. Ob die bisherigen Einschränkungen Wirkung zeigen und nötig sind, weiß bisher auch noch niemand. Die Katastrophe, die der Klimawandel auslösen wird, ist hingegen schon ziemlich genau von Wissenschaftlern skizziert. Der Unterschied ist wohl, dass der Zeitraum nicht genau definiert ist und die meisten denken, dass sie die Auswirkungen nicht mehr erleben werden. Das Entscheidende scheint zu sein, dass Menschen sich bedrohter fühlen vor einer ungewissen als vor einer definitiv eintretenden Gefahr. Absurd oder? So erregen Schlagzeilen über vermeintlich gesundheitsschädliche Lebensmittel, wie zu dunkel Gebratenes, eine unverhältnismäßige Aufruhr, vorwiegend bei Rauchern.


"Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."

Richard David Precht, deutscher Philosoph